Zur Form des argumentierenden Essays

Michel de Montaigne (1533-92): Die Essais

Jedes Ding hat hundert Glieder und hundert Gesichter; ich nehme jedes Mal zunächst nur eins vor, streiche manchmal nur leicht darüber hin, greife aber bisweilen auch bis auf den Knochen zu: und dann drücke ich mit dem Finger kräftig hinein, nicht auf breiter Fläche, aber so tief, wie ich irgend kann; am liebsten ist es mir, wenn ich die Sache in einer etwas ungewöhnlichen Beleuchtung untersuchen kann. […]
[…] kann es, wenn ich Lust habe, auch anders machen, in Zweifel und in Unsicherheit verharren, und dabei bleiben – was mir besonders liegt -, dass ich es eben nicht weiß. […]
(Michel de Montaigne: Demokrit und Heraklit. In: Die Essais. Hrsg. u. übertragen v. Arthur Franz. Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung. Leipzig 1953, S. 155-157)

Adorno, Theodor W.: Der Essay als Form

[…] Anstatt wissenschaftlich etwas zu leisten oder künstlerisch etwas zu schaffen, spiegelt noch seine Anstrengung die Muße des Kindlichen wider, der ohne Skrupel sich entflammt an dem, was andere schon getan haben. Er reflektiert das Geliebte und Gehasste, anstatt den Geist nach dem Modell unbegrenzter Arbeitsmoral als Schöpfung aus dem Nichts vorzustellen. Glück und Spiel sind ihm wesentlich. Er fängt nicht mit Adam und Eva an, sondern mit dem, worüber er reden will; er sagt, was ihm daran aufgeht, bricht ab, wo er selber am Ende sich fühlt und nicht dort, wo kein Rest mehr bliebe: so rangiert er unter den Allotria. Weder sind seine Begriffe von einem Ersten her konstruiert noch runden sie sich zu einem Letzten. Seine Interpretationen sind nicht philologisch erhärtet und besonnen, sondern prinzipiell Überinterpretationen […].
(In: Noten zur Literatur I. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1974, S. 10. Erstdruck 1958)

Schuh, Franz: Schreibkräfte

Über Literatur, Glück und Unglück. DuMont Buchverlag, Köln 2000, S. 20: Die Essayistik braucht die Begriffe nicht zu scheuen, ihre Sache ist ja – zumindest der Möglichkeit nach – die „spielerische“, will sagen: nicht dogmatische, nicht illustrative Wendung von Begriffen ins Anschauliche (und wiederum retour). […] Es wird leicht vage, unbestimmt, aufgebläht […]

Rosenberg, Jay F.: Philosophieren. Ein Handbuch für Anfänger

Klostermann, Frankfurt a. M. 1986 (Engl. Orig.: The Practice of Philosophy, 1984)

Rosenberg definiert den (argumentierenden) Essay so: „Im wesentlichen ist er die begründete Verteidigung einer These. Im Essay muss es einen oder mehrere Punkte geben, die zu beweisen sind, und es sollten Überlegungen vorgebracht werden, die sie stützen – und zwar so, dass auch erkennbar ist, dass die Überlegungen sie stützen.“ (Rosenberg, S. 81)

Je nach dem Ziel eines Essays (das wiederum von der Aufgabenstellung abhängt) empfiehlt Rosenberg unterschiedliche Gliederungen für verschiedene Essaytypen:

I. Die kritische Prüfung einer Ansicht
1. (präzise, unvoreingenommene) Darstellung der Ansicht (These und die sie stützenden Argumente)
2. Kritik der Ansicht 
(Rosenberg, 82, 132)

II. Der urteilende oder richtende Essay (Ziel: Entscheidung in einem philosophischen Streit)
1. Formulierung des Problems (günstig: Frage formulieren – zwei Antworten) 
2. Darstellung der Position A – 3. Bewertung der Position A
4. Darstellung der Position B – 5. Bewertung der Position B
6. Entscheidung 
(Rosenberg, 135)

III. Der problemlösende Essay
1. Formulierung und Analyse des Problems 
2. Entwicklung von Kriterien für eine adäquate Lösung
3. Entfaltung der Lösung
4. Prüfung, inwieweit die Lösung adäquat ist.
(5. Antworten auf erwartbare Kritik)
(Rosenberg, 139)

Diese Gliederungsvorschläge sind keineswegs verbindlich. Adorno erwartet, anders als Rosenberg, von einem Essay keine lineare Struktur, eher ein Teppichgewebe. Schließlich sei an Lessing erinnert: Das Genie folgt keinen Regeln, sondern schafft im Verlauf seiner Arbeit und mit seiner Arbeit neue Regeln.